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Reise

Veröffentlicht: 03.01.2008

Autor: Adrian Pfeiffer

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Antarktis Eisberg

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Geografische Angaben

Breitengrad: -54.8088 / S 54° 48.528'
Längengrad: -68.304703 / W 68° 18.282'

Bilder



Unsere Tauchgruppe "Antarctica".


Tauchen im ewigen Eis.


Tauchen im ewigen Eis mit Seeleoparde.


Blauer Eisberg.


Eselspinguine "pygoscelis", im Hintergrund die Grigoriy Mikheev.


Seestern "odontaster validus".


Amphipoda auf Kelp (vermutlich "idotea neglecta").


Seeleopard "hydrurga leptonyx".


Kelp-Pflanzen "cystosphaera jacquinotii".


Schlangensterne "ophionotus victoriae".

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 Grigoriy Mikheev, 1990 in Finnland erbaut, eistaugliches russisches Forschungsschiff mit 66 m Länge, 12.8 m Breite und zwei je 1700 PS starken Dieselmaschinen.

Grigoriy Mikheev, 1990 in Finnland erbaut, eistaugliches russisches Forschungsschiff mit 66 m Länge, 12.8 m Breite und zwei je 1700 PS starken Dieselmaschinen.

Tauchexpedition in die Antarktis

Tauchen in der Antarktis ist Tauchen der besonderen Art. Es ist ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis, auf den Spuren von Amundsen, Scott und Shackleton.

Tauchgänge in jenem kältesten, stürmischsten und trockensten Kontinent zu unternehmen, der noch im 17 Jahrhundert als „terra australis nondum cognita“ die Weltkarten zierte. Nach knapp 1500 Tauchgängen im Süsswasser und tropischen Riffen dachten wir, es sei nun an der Zeit, mal an was „anderes“ zu denken. Den eigentlichen Kick für eine Tauchreise in die Antarktis gab uns der Törn mit der M.V. Professor Molchanov im Juni 2003 nach Spitzbergen, wo wir es schafften, noch knapp unterhalb des 80. nördlichen Breitengrades unserm Hobby zu frönen.

Doch was wir in der Antarktis im Februar 2005 unter wie auch über Wasser vorfanden, war um Welten besser. Die Unterwasserwelt ist unerwartet farben- und artenreich. Seeanemonen (z.B. die leuchtorangene isotealia antarctica), Schlangensterne, Seesterne (vorab die roten odontaster validus), Sonnensterne, Nacktkiemenschnecken (z.B. die doris kerguelensis), Tritonschnecken, Garnelen, Schwämme, Leuchtquallen und sogar kleinste weisse Weichkorallen, daneben riesige Gebiete mit kniehohen Kelpwäldern (cystosphaera jacquinotii), auf und unter deren Blätter sich ein wahres Makroparadies (Amphipoden) befindet. Tauchgänge an den gigantischen und schier endlos senkrecht abfallenden Eisbergen sind schlichtweg der Hammer. Gleich mehrmals hatten wir das Glück, Seeleoparden unter Wasser anzutreffen (ehrlich gesagt: ein mulmiges Gefühl...). Besonders in Erinnerung blieb uns der Tauchgang vor der ehemaligen Walfänger-Station Alice Creek, wo die Überreste der industriell verwerteten Blauwale ins Meer entsorgt wurden und wo noch intakte 20 m und längere Wirbelsäulen zu bestaunen sind. Tauchen in der Antarktis ist Tauchen auf einem anderen Planeten. Denn die Kulisse (Eisberge, Gletscher, Packeis) und die Bewohner (Pinguine, Robben, Wale etc.) sind für uns ebenso unwirtlich wie fremdartig.

08. – 11.02.2005: Anreise

Bereits um 07.45 h hebt pünktlich die Maschine der IBERIA von Zürich-Kloten ab und bringt uns nach Madrid und von dort aus nach Buenos Aires, wo wir um 21.00 h Lokalzeit (- 4 Std. Zeitverschiebung) landen. Doch was haben wir da auf dem Reiseprogramm zu lesen bekommen? „Bitte beachten Sie, dass Sie 20 Kg Gepäck pro Person mitnehmen können“. Dasselbe stand auch auf den Flugtickets. Bereits bei Erhalt der Unterlagen war klar: das schaffen wir nie und nimmer! Wie können zwei Tauchausrüstungen mit je zwei getrennten ersten Stufen und je zwei Automaten, Tarierwesten, Trockenanzüge, Unterzieher, je ein Paar Flossen etc., ferner Kameragehäuse, UW-Blitz, Blitzarm, UW-Lampen, sämtliche warmen Klamotten und und und zusammen „nur“ 40 Kg wiegen? Ein Ding der Unmöglichkeit. IBERIA zeigte sich bereits im Vorfeld stur: kein Zusatzgepäck, auch nicht gegen Bezahlung einer Pauschale (wir wollen ja niemanden schädigen). Schliesslich entschieden wir uns dafür, die gesamte Tauchausrüstung per AIR CARGO vorab nach Argentinien zu schicken. Die Idee war gut, doch letzten Endes mussten wir mit all den Transportkosten, Gebühren, Taxen, Versicherungen, Auslagen fürs Taxi zum Abholen im Cargo Terminal, Einlagerungskosten rund EUR 600.- (!) bezahlen – und das nur für den Hinweg Zürich-Buenos Aires. Für den Weiterflug nach Ushuaia/Feuerland und den Retourflug bis nach Hause wollten wir es drauf ankommen lassen. Und siehe da: niemand hat sich auch nur einen Deut um das Gewicht von fast 70 kg Fluggepäck (ohne Handgepäck) gekümmert. Lächeln und freundlich sein – das war die Devise (und nicht mehr als ein Gepäckstück pro Person).

Nach ein paar Tagen in Buenos Aires und einer Nacht in der südlichsten Stadt der Welt, Ushuaia/Tierra del Fuego, am „Fin del Mundo“, war es dann endlich so weit. Am 12.02.2005 checkten wir zusammen mit 19 Tauchern und 20 Landgängern ein auf der Grigoriy Mikheev, einem 1990 in Finnland erbauten, eistauglichen russischen Forschungsschiff mit 66 m Länge, 12.8 m Breite und zwei je 1700 PS starken Dieselmaschinen.

12. – 14.02.2005: Auf hoher See

Was so nett und beschaulich anfing, war nur von kurzer Dauer. Nach dem obligaten Sicherheitscheck, Kabinenbezug, ersten Essen an Bord und einer wunderschönen und ruhigen Fahrt im Abendlicht durch den Beagle Kanal erwartete uns nach dem Kap Horn die Katastrophe: wer schon einmal eine Seefahrt mit Windstärke 12 (Orkan) erlebt hat, und das während zwei Tagen und erst noch durch die bei Seefahrern berüchtigte Drake Passage, weiss, worüber wir schreiben. Nichts, aber auch wirklich nichts blieb an Ort und Stelle. Kästen und Schubladen, Ablagen, Toilettenschrank: sie entluden sich all der Dinge, die wir so sorgfältig in gut schweizerischer Manier „versorgt“ hatten. Obwohl das Fangnetz der Stockbetten montiert war und wir uns flach wie eine Flunder in die Liege quetschten, war an schlafen nicht zu denken. Das Wasser peitschte bis zum dritten Deck hoch und die hohen Wellen liessen das Schiff bis über 50° auf die Seite rollen (Wachoffizier Valery antwortete auf die Frage, wie viel es denn noch leiden möge, beruhigend mit: „ weiter als 180° Grad geht es nicht“). Der Spuk dauerte bis in die frühen Morgenstunden des 15.02., als endlich Land in Sicht war. Die Passagiere waren während dieser rauen Überfahrt wie vom Erdboden verschluckt. Dennoch servierten die beiden stets gut gelaunten russischen Hostessen den wenigen Passagieren, die noch etwas im Magen behalten konnten, das Essen wie wenn nichts weiter geschehen wäre.

15.02.2005: Telefon Bay, Whaler’s Watch (62° 59’ Süd; 60° 33.3’ West)

Der erste Tauchgang! Endlich! Schon über eine Woche sind wir nun unterwegs, und dann noch diese Strapazen. Divemaster Mike Murphy aus Kanada entgeht nichts. Der ehemalige Berufstaucher, der auf diversen Nordseeinseln unter Wasser Pipelines in 100m Tiefe zusammen schweisste und sich nunmehr als Diveguide dem kalten Wasser verschrieben hat, beobachtet die Taucher dabei, wie sie ihre Automaten und Jackets an die 12 Liter Flaschen montieren. Für ihn steht schon bald fest, dass er auf einige von ihnen ein wachsames Auge werfen muss…. (mehr darüber später).

Wir tauchten in der Whaler’s Bay, nahe einer verlassenen Walfängerstation in einer kargen vulkanischen Landschaft. Unter Wasser erwartete uns eine leicht abfallende Halde mit vielen Krebsen und Schlangensternen, die auf dem Grund nach Nahrung suchten. Bei 5° C Luft- und 0° C Wassertemperatur ist der Tauchgang nach 31 Min. vorüber (max. Tiefe: 26.7 m).

16.02.2005: Cuverville Island, Paradise Bay (64° 43.5 Süd; 62° 37’ West)

Zwei Tauchgänge standen auf dem Programm. Der erste war bereits um 09.00 angesagt und führte uns bei Schneefall zu einer steil abfallenden Felswand, die dicht mit oliv-braunem Kelp bewachsen war. Das Gebiet sprudelte buchstäblich von Leben unter Wasser. Ein Blick unter die Kelp-Blätter lohnt sich immer, denn dort finden zahlreiche Schnecken, Amphipoden und anderes Kleinzeugs ihr Zuhause. Die Sicht war mit 8 m gut. Nach 23.7 m Tauchtiefe und 29 Min. hatten wir genug. Es war saukalt und die Fingerspitzen waren trotz Trockenhandschuhen schon nach 20 Min. fast gefühllos. Doch das plagte uns nicht weiter, denn nach einer kurzen Fahrt im Zodjak stiessen wir nahe einem Eisberg auf zwei schon fast „handzahme“ Seeleoparden, denen es sichtlich Spass machte, mit uns zu schnorcheln und ihr Spiegelbild in unsern Maskengläsern wieder zu erkennen. Doch Achtung: Seeleoparden sind Fleischfresser und Raubrobben. Sie fressen bis zu vier Pinguine im Tag und haben spitze und messerscharfe Zähne. Mit einer Länge von bis zu 3 m und einem Gewicht von bis zu 250 kg sind sie die grössten aller Robben.

Der Nachmittags-Tauchgang um 15.30 h führte uns an eine noch schönere Makro-Steilwand: ganze Ansammlungen von Muscheln, Schnecken, Seesternen und Garnelen liessen uns vergessen, dass wir die 30 m-Marke über- bzw. unterschritten hatten. Mit dem 60mm Makro-Objektiv lagen wir goldrichtig. Doch schon zeigte Mike die erste rote Karte: Yvonne aus Südfrankreich hatte schon beim Tauchgang vom Vormittag mit erheblichen Tarierproblemen zu kämpfen, war hypernervös, zeigte Anzeichen von Panik und kam mit der Ausrüstung nicht klar.

Am Abend dann Barbecue-Party auf dem Heck-Deck des Schiffes im freien. Ein reichhaltiges Buffet, viel Wein und Bier mit ausgelassener Stimmung bei Tanz und Gesang inmitten der wunderschönen antarktischen Kulisse rundeten diesen erlebnisreichen Tag ab.

17.02.2005: Lemaire Channel, Pleneau Island, Port Charcot (65° 05.6 Süd; 64° 02.3’ West)

Heute stand Eisberg-Tauchen auf dem Programm, und das gleich zwei Mal. Mike und Francois, ein Meeresbiologe und Antarktis-Kenner aus Frankreich, suchten mit uns im Zodjak nach einem stabilen Eisberg. Das hört sich einfacher an, als es in Wirklichkeit ist: Der Eisberg sollte gegroundet sein, damit er während des Tauchgangs stabil bleibt. Nördlich von Pleneau Island fanden wir ein geeignetes Objekt. Das Zodjak konnte die Leine fest im harttgefrorenen Eis/Schnee ankern und wir glitten sachte ins Wasser. Die Wassertemperatur von -2° C liess uns erschaudern. Vor allem an der Oberfläche, wenn im Trockenanzug wenig Luft drin ist, kommt die Kälte voll zum Durchbruch. Ein paar Halb-Halb-Aufnahmen mit dem 16mm-Fischaug-Objektiv und nichts wie runter. Da endlich sahen wir, was vor uns nur wenige zu Gesicht bekommen haben: eine senkrecht abfallende und teils überhängende Eiswand mit wabenförmigen Mustern glitt an uns runter in die ewige Finsternis. Was für ein Gefühl, schwerelos in diesem eiskalten Blau abzutauchen. Doch schon gab es die zweite rote Karte: Für Bill aus den USA mit seinem brandneuen DUI und DigiKamera im ebenso brandneuen UW-Gehäuse war es (wie zuvor für Yvonne) der letzte Tauchgang. Auch hier: ernsthafte Tarierprobleme – nicht daran zu denken, wozu das unter diesen Bedingungen führen kann.

Der Vormittag hätte nicht besser sein können. Aber es kam noch besser: Es zeigte sich die Sonne und wir unternahmen an einem andern Eisberg einen weiteren Tauchgang. Doch wir trauten unsern Augen nicht: Seeleoparden waren unsere Begleiter unter Wasser und beobachteten uns neugierig aus teils nächster Nähe! Auch der zweite Eisberg zeigte uns seine stolze Grösse und betörende Schönheit erst unter Wasser. Was für ein Erlebnis.

Zurück auf dem Zodjak suchten wir einen blauen Eisberg. Blaue Eisberge sind selten. Die meisten Eisberge erscheinen weiss, weil winzige Luftbläschen im Schnee und Eis das weisse Licht reflektieren. Altes Gletschereis dagegen, das vom Gewicht von Schnee und Eis Jahrhunderte lang zusammen gepresst wurde, reflektiert nur das blaue Ende des Farbspektrums. Und wir fanden ihn, unsern ersten Blauen! Es würde wohl Seiten füllen, dem Leser die Eindrücke und die Faszination einer solchen Begegnung zu schildern – es käme der Wahrheit nur halbwegs nahe.

Auf dem Rückweg zur Grigoriy Mikheev fuhren wir an zahlreichen Krabbenfresser-Robben und Seeleoparden vorbei, die auf Eisschollen ihr Nachmittags-Nickerchen abhielten. Auch wir waren hundemüde…. Doch bevor wir uns schlafen legten, reparierten wir in mühseliger Kleinstarbeit die zerrissene Latex-Halsmanschette von Amos’ Trockenanzug. Auch das kommt vor, und meistens dann, wenn man es am wenigsten schätzt. Wie schnell ist da der Urlaub im Eimer. Doch wir hatten vorgesorgt und mit Spezial-Kleber und einem Fahrradschlauch die Manschette gerettet. Amos konnte ohne Wassereinbruch die weiteren Tauchgänge unbeschadet mitmachen (siehe seine faszinierenden Bilder unter www.biganimals.com).

18.02.2005: Petermann Island, Vernadsky Station (65° 10.6’ Süd, 64° 7.7.’ West)

Der erste Tauchgang um 10.25 h fand an einem Platz statt, den nicht einmal unsere Profis Mike und François kannten. Ein Erkundungstauchgang sozusagen gegenüber dem Kanal und östlich von Petermann Island. Nachdem es zu schneien aufgehört hatte, rollten wir wie gewohnt rückwärts vom Zodiak ins Wasser und waren gespannt auf das, was uns da erwartete. Für unseren Geschmack war das Gelände zu flach; ziemlich steinig und sandige Innenflächen. Dazu herrschte starke Brandung und daher eingeschränkte Sicht unter Wasser. Hinzu kam -1°C Wassertemperatur, an die wir uns schon (fast) akklimatisiert hatten. Der Landgang im Trockenanzug (auch dafür sind die Dinger in der Antarktis gut) war dann ungleich interessanter: Kolonien von Adélie-Pinguinen liessen sich mit ihren Kücken aus nächster Nähe ablichten und zeigten nicht die geringste Scheu.

Der Nachmittagstauchgang war um einiges besser. Gegenüber der ukrainischen Wetterstation Vernadsky in einer Bucht waren wir zwar vom Eis fast eingeschlossen, doch unter Wasser offenbarte uns die Steilwand ihre Schönheit und Schätze: grosse Nacktschnecken wie die doris kerguelensis, Schwämme, Seescheiden und –gurken, Kelp und Seeanemonen in verschiedenen Rot- und Orangetönen, Seesterne en masse und das ganze gepaart mit fünf neugierigen Seeleoparden, die unserem Treiben fasziniert zuschauten. Der Schneefall setzte wieder ein, dazu Wind und leichte Strömung. Letzteres war nicht ungefährlich, denn die Eisplatten drohten zusammen zu driften und sich über uns zu schliessen. Doch Mike und François hatten stets ein wachsames Auge und holten uns zeitig aus dem -1°C kalten Wasser.

Danach besuchten wir die Vernadsky Station, die ursprünglich von den Britten gegründet wurde. Davon ist allerdings nichts mehr zu spüren, denn anstelle von Broken Orange Tea gibt es dort jetzt Wodka zuhauf. Zusammen mit den freundlichen Ukrainern sangen und tranken wir bei angeheiterter Stimmung in der südlichsten Bar der Erde, während es draussen stürmte und schneite (ein besoffener Stations-Ukrainer fiel gar ins eiskalte Wasser und konnte noch im letzen Moment raus gezogen werden…).

19.02.2005; Bertholet Island, Argentine Islands (65° 14.5’ Süd, 64° 17.3’ West)

In der Nacht fuhr die Mikheev in Richtung Südpolarkreis in der Hoffnung, diesen zu überqueren. Das Schiff kämpfte sich langsam, aber stetig durch die dicken Eisplatten. Das krachende Geräusch wurde über den Rumpf geleitet und war überall zu hören. Doch mitten in der Nacht ging es einfach nicht mehr weiter. Die Mikheev drehte bei 65° 40’ Süd um (bis zum Südpol sind es weitere 2700 km!). Den Südpolarkreis verfehlten wir nur knapp – die Natur war stärker als wir. Bei der Rückfahrt durch den Grandidier Kanal passierten wir riesige Eisberge. Um 15.00 h unternahmen wir schliesslich einen Tauchgang im selben Gebiet wie tags zuvor, d.h. bei der Vernadsky Station. Noch einmal liessen wir uns von der dicht bewachsenen Steilwand mit ihrem überreichen maritimen Leben bei ausgezeichneter Sicht verzaubern – stets beobachtet von wachsamen Seeleoparden. Nach 27 Min. und einer max. Tiefe von 23.4 m hatten wir genug und unternahmen eine ausgedehnte Eisberg-Tour per Zodjak bei strahlend schönem Wetter.

20.02.2005; Yalour Islands, Lemaire Channel, Port Lockroy (65°05.9’ Süd; 63° 58.8 West)

Währendem die Landgänger eine unliebsame Begegnung mit einem Seeleoparden hatten, der beim Angriff eine Luftkammer des Zodjaks zerbiss, hatten wir Taucher die letzte Gelegenheit, einen Eisberg-Tauchgang zu unternehmen. Nach kurzer Suche fanden wir ein geeignetes und sicheres Objekt, das auf 18m gegroundet war und uns optimale Bedingungen bot. Vorsichtig glitten wir an der glatten Eiswand nach unten bis zum Grund. Dieser war übersäht mit den typischen antarktischen roten Seesternen (odontaster validus). Zu schade, dass die Lichtverhältnisse zu wünschen übrig liessen – nicht daran zu denken, was für tolle Mischlichtaufnahmen das gegeben hätte… Der Tauchgang hatte es aber trotzdem in sich: wir wagten uns unter den Eisberg bis dorthin, wo er mit lautem Grollen im Rhythmus der Wogen auf den Grund knallte.

Nach dem Mittagessen hatten wir die Wahl, entweder einen Critter-Dive (Makro) zu unternehmen oder bei der verlassenen Walfängerstation Alice Creek unser Glück zu versuchen. Mike ermahnte uns, dass bei Alice Creek der Grund aus feinsandigem Sediment bestehe und dass jeder unbedachte Flossenschlag die Sicht stark trüben könnte. Wir entschieden uns dennoch für Alice Creek. Um 16.00 ging’s los bei Wind und Schneetreiben. Auf dem -1° C kalten Salzwasser setzte sich der Schnee und wir schwammen erst einmal in einer „Frappé-Brühe“. Nach einigem Suchen im algig-grünen Wasser stiessen wir in 8 m Tiefe auf etwas helles, das aussah wie ein grosses Ölfass. Da plötzlich realisierten wir, was es war: der Wirbelkörper eines komplett erhaltenen Rückgrats eines bestimmt 25 m langen Blauwals! Wir waren fasziniert ob dieses gespenstischen Anblicks. Wenn wir nicht schon halb durchgefroren gewesen wären, hätte es uns geschaudert. Wir erinnerten uns Mikes’ Ermahnungen und glitten behutsam um das Skelett, um unsere eigenen Bilder nicht zu vermiesen.

21.02.2005: Orne Island, Melchior Island (64°28.4’ Süd, 62°53.5’ West)

Nach einem ausgiebigem Morgenspatziergang bei fantastischem Wetter auf Orne Island, wo die Eselspinguine am Ende der Brutzeit ihre Kücken aufzogen und uns wie gewohnt mit lautem Geschnatter begrüssen, unternahmen wir am Nachmittag einen Tauchgang bei den Melchior Inseln. Diese wurden berühmt durch einen Film der BBC „Life in the Freezer“. Die Erwartungen ob dieses Film-Epos’ waren vielleicht etwas zu hoch geschraubt, denn ausser Braunalgen mit einigen Kelppflanzen gab es nicht viel zu sehen. Das Gelände fiel sehr steil ab, ähnlich einem Canyon. Auf 35 m waren wir auf dem Grund des Kanals angelangt. Der steinige Grund war mit Muscheln, Seesternen, Seescheiden und –anemonen übersäht. Nach 30 Minuten waren die Fingerspitzen trotz Trockenhandschuhen einmal mehr (fast) gefühllos und wir kehrten um.

22. – 24.02.2005: Auf hoher See

Nachdem wir die Tauchausrüstung mit reichlich Süsswasser gespült hatten und einem sicheren Ort im freien aufgehängt glaubten, wurden wir rasch eines besseren belehrt. Die Mikheev verliess die geschützte antarktische Halbinsel und drehte nordwärts ab ins offene Meer in Richtung Südamerika. Zwei Buckelwale zogen gemächlich ihre Runden um das Schiff und liessen sich aus nächster Nähe fotografieren. Doch es dauerte nicht lange und es herrschte Windstärke 8. „Nein, nicht schon wieder“, sagten wir zueinander und brachten die Tauchausrüstung und –klamotten in Sicherheit. Unsere Gebete wurden erhört und es blieb bei einer acht. Die zwei Tage auf hoher und rauer See vergingen im Fluge und wurden stets aufgelockert durch interessante Vorträge, Dia-Shows und die ersten Filme von unserer Reise. Am 24.02.2005 kamen wir pünktlich in Ushuaia an. 2560 km Seefahrt lagen hinter uns, und wir lebten noch!

Nach einer weiteren Nacht in Buenos Aires flogen wir am 25.02.2005 mit der 14.10 h Maschine via Madrid zurück nach Zürich-Kloten, wo wir am 26.02. um 11.30 h landeten.

Fazit

Wer im ewigen Eis seinem Hobby Tauchen frönen will, muss sich in einer gesundheitlich und finanziell sehr guten Konstitution befinden. Die zwei Tauchgänge pro Tag im bis zu –2° C kalten Wasser teilweise bei Sturm und Schneefall zehren ebenso an der Substanz wie die Kosten von mind. EUR 7‘000.- pro Person (inkl. Flug). Dazu kommt die je 48-stündige Hin- und Rückfahrt von Ushuaia/Feuerland zum Kontinent durch die stürmische Drake-Passage, die für die meisten Passagiere die reinste Hölle war. Dennoch kann eine solche Reise der Extraklasse für Hardcore Divers und solche, die es werden wollen, nur empfohlen werden. Auf der Grigoriy Mikheev (Murmansk) waren wir bestens aufgehoben. Sicherheit wird gross geschrieben. Tauchprofi Mike Murphy (Kanada) und Meeresbiologe François de Riberolles (Frankreich), beides Eiswasser-Spezialisten, kennen die Tücken und die Gefahren des Packeises, der treibenden Eisberge und der Strömungen wie ihre Westentasche. Ausrüstung, Technik, Elektronik, Versorgung etc.: alles ist auf der Mikheev auf hohem Niveau.

Den 45 Passagieren (davon 21 Taucher aus aller Herren Länder, Anzahl stetig abnehmend...) fehlte es an nichts. Sogar ein Arzt war – wie es die Vorschrift will - mit an Bord. Wer nicht tauchen gehen wollte (oder zufolge Tauchverbots nicht mehr durfte), konnte sich den professionell geführten Landtouren anschliessen. Maximal 5 bis 6 Taucher wurden auf ein grosszügig ausgestattetes Zodiak verfrachtet. Dieses wurde - mit den Tauchausrüstungen beladen - vom Deck mittels Kran behutsam ins und aus dem Wasser gehievt; kein Schleppen der schweren Ausrüstungen und Bleigurte!